Auf dem Jahrmarkt der Wurstigkeit

Mit ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest hat Conchita Wurst das Thema Gleichberechtigung für Homo- und Transsexuelle ganz oben auf die Agenda katapultiert. Man könnte sich zurücklehnen und darüber freuen, dass Tom Neuwirth als offen Schwuler Mann mit Bart und Fummel es geschafft hat sogar im als besonders schwulenfeindlich geltenden Osteuropa die Menschen zu begeistern. In der Wirklichkeit zeigt sich jedoch, wie dünn die zarte Schicht der Toleranz tatsächlich ist. Besonders perfide gibt sich wieder einmal die Bild-Zeitung. Auf der Welle der Anfangseuphorie in den ersten Stunden nach dem ESC schreibt das Blatt noch von “Sensations-Sieg” und “Wurst-Wahnsinn“. In der Montagsausgabe gibt es dann den Wurst’schen Bart zum Ausschneiden – von der Siegerin zum Jahrmarkt-Attraktion. So schnell geht das im Boulevard. In den Kommentarspalten waren die Leser der Bild schon eine Runde weiter. Dort gab man sich schon zeitig betont intolerant und angeekelt von diesem “Wesen”. Es wundert also nicht, dass zwei Bild-Herren die Ressentiments des Mobs etwas aufgriffen und das Ganze einen Tag später “schönschreiben”. In seiner gewohnt schwurbeligen Form nennt Franz-Josef Wagner die Drag Queen eine Kuriosität. Sein Redaktionskollege Béla Anda macht den beleidigten Heterosexuellen und beklagt, dass man Conchita Wurst angeblich nicht schlecht finden darf sondern gut finden ‘M U S S’ (sic!). Woher er dieses Tabu hat, sagt er nicht. Dafür gibt der ehemalige Regierungssprecher von Gerhard Schröder interessante Einblicke in sein Seelenleben. Nicht nur dass er seine Argumentation mit dem Satz beginnt: “Einige meiner besten Freunde sind homosexuell”, was ein ziemlich gutes Indiz für Homo-Feindlichkeit ist  Anda ist auch ein ziemlich oberflächlicher Schnösel, wenn er zugibt, dass der Bart sein ästhetisches Empfinden stört. Und dann ist da auch noch das Rollenverständnis von Mann und Frau, das in der Anda’schen Welt durcheinander gerät. Was ist passiert? Hat sich seine Frau nach dem ESC am Sack gekratzt und gerülpst? Hat Béla Anda beim Anblick von Conchita Wurst das Verlangen verspürt High Heels und eine Perücke zu tragen? In einem hat er allerdings recht. Nämlich dann, wenn er sich über die Lobhudelei auf “unser angeblich tolerantes Europa” beklagt. Von Toleranz kann keine Rede sein – dafür sorgt die Bild-Zeitung.

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