LGBTI

Kein Grund, stolz zu sein

Ich hasse langweilige Latsch-Demos. Große Menschenansammlungen sind mir zuwider. Und doch gibt es ein Datum im Jahr, an dem ich meine Urängste überwinde: die CSD-Parade in Berlin, Höhepunkt der Pride-Week. Tage vorher freue ich mich darauf, mit Freunden und Kaltgetränken in der Hand durch Berlin zu ziehen. Wenn alle Demonstrationen so hedonistisch wären, würde ich viel häufiger auf die Straße gehen. Auch wenn ich keine Transparente mit mir herumtrage und mich nicht zu großen Reden von der Barrikade aufschwinge, mache ich mir meine Gedanken über den Sinn einer einer Veranstaltung wie dem CSD und da stolpere ich zuerst über den Namen: Pride. Ich mag das Wort nicht sonderlich. Auf seine sexuelle Orientierung stolz zu sein, ist genauso unsinnig, wie auf seine Nation oder Hautfarbe. Alles sind Dinge, die sich nicht ändern lassen. Auch die Umstände, unter denen Lesben, Schwule, Bi-, Trans- oder Intersexuelle heute immer noch leben, sind kein Grund stolz zu sein. In vielen Ländern ist Homosexualität lebensgefährlich, selbst Deutschland ist von einer Gleichberechtigung bei Ehe und Adoption weit entfernt.  Als Zeichen des guten Willens gegenüber der LGBT-Community hängen die Politiker, die diese Rechte immer noch verweigern, in der schwulen Hauptsaison Regenbogenflaggen an Rathäuser und Amtsstuben. So eine Geste kostet nichts und bringt noch viel weniger. Währenddessen verbreitet ein CDU-Provinzpolitiker reaktionäres Gedankengut und bedauert die Legalisierung der Homosexualität. Die Aufregung war groß, ebenso wie die Bewunderung, dass es da einer den “Pädo-Homo-Funktionären” so richtig gezeigt hat. Genug zu tun, sollte man meinen. An gemeinsamen Feinden mangelt es jedenfalls nicht, doch die Berliner Community ist zerstritten wie nie, was der Stadt in diesem Jahr bizarrerweise drei parallel stattfindende Pride-Paraden bescherte, die sich gegenseitig das Publikum wegnahmen. Ziel des CSD sollte sein, sich eines Tages überflüssig zu machen, doch lieber verlieren sich die Veranstalter in bizarren Streitigkeiten. Man darf gespannt sein, wie viele Paraden im kommenden Jahr stattfinden. Nichts gegen Pluralismus – gerade in der LGBTI-Community, aber die Zersplitterung schwächt das gemeinsame Anliegen für Gleichberechtigung. Dass nicht einmal darüber Einigkeit herrscht, ist wirklich kein Grund, stolz zu sein.

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Aufatmen ist nicht: LGBTI-Rechte in Europa eher Durchschnitt

Der Frankfurter Engel erinnert an die Homosexuellenverfolgung während der Nazi-Diktatur. Image: Domenico Sciurti

Der Frankfurter Engel erinnert an die Homosexuellenverfolgung während der Nazi-Diktatur. Image: Domenico Sciurti

Es sind Zahlen, die Sorgen bereiten. Homosexuell zu sein ist in 77 Ländern illegal. 2,7 Milliarden Menschen sind gezwungen, heterosexuell zu leben, ungeachtet dessen, was in ihrer Natur liegt. In mindestens fünf Ländern kann es sogar die Todesstrafe geben, sollte man dabei erwischt werden, das gleiche Geschlecht zu lieben. Die Rechte von Homo- und Bisexuellen wie auch Transgendern sind im Jahre 2014 alles andere als selbstverständlich: In KEINEM Land dieser Erde werden Homosexuellen die gleichen Rechte zugesprochen wie Heterosexuellen. Der Guardian hat eine interaktive Graphik erstellt, die die Ergebnisse einer Studie der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Assoziation (Ilga), dem Dachverband von LGBTI-Organisationen weltweit, aufzeigt.

Die Studie beurteilt die Qualität der rechtlichen Situation in den einzelnen Ländern anhand von fünf Kategorien: Wo ist einvernehmlicher Sex von Menschen gleichen Geschlechts erlaubt? Wo gibt es gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz? Haben gleichgeschlechtliche Paare das Recht zu heiraten? Dürfen diese Paare Kinder adoptieren? Sind LGBTI-Menschen bei Übergriffen strafrechtlich geschützt?

Die Graphik zeigt: Während auf der einen Seite der Welt, die Recht der LGBTI zunehmen – beispielsweise in den USA, wo in den vergangenen Jahren immer mehr Staaten die Homo-Ehe einführten – hat sich die Situation an anderen Orten der Welt verschlechtert. In Uganda und Nigeria haben die Staatspräsidenten vor einigen Monaten erst verschärfte Gesetze gegen homosexuelle Menschen und deren Unterstützer unterschrieben. Zuvor noch hat in Russland das Gesetzt gegen homosexuelle Propaganda weltweit  für Aufsehen gesorgt. Die Menschen in diesen Ländern werden seitdem verstärkt unterdrückt, verfolgt, gefoltert. Auch Berichte über Morde wurden zumeist durch das Internet übermittelt.

Selbst in Europa gibt es keinen Grund, entspannt auf die Zustände zu blicken. Denn höchstens als besseren Durchschnitt kann dort die rechtliche Situation der LGBTI-Community beurteilt werden. Deutschland gehört mit drei von fünf erfüllten Kategorien – wobei es keine hundertprozentigen Rechte bei den Lebenspartnerschaften gibt – auch nur zum Durchschnitt im Durchschnitt. Elf Staaten,  das sind 22 Prozent der europäischen Länder, erfüllen drei von fünf Kategorien. Neben der Bundesrepublik stehen Länder wie Albanien, Slowakei und Rumänien. An der europäischen Spitze sind Belgien, Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Spanien, Schweden und das Vereinigte Königreich von England. Sie sichern den LGBTI-Menschen fünf von fünf gewerteten Rechten zu. Als positiv muss wohl bewertet werden, dass kein EU-Land Homosexualität als solches verurteilt und verbietet.

Detailliertere Informationen zu Europa bietet auch die Studie Europe Rainbow Package, die jährlich von der europäischen Abteilung des Ilga Dachverbandes durchgeführt und veröffentlicht wird. Bereits die Betitelung der diesjährigen Publikation spricht für sich: “Rainbow Europe 2014: Europe’s score on LGBTI human rights remains average.”Das Paket kommt in zwei Teilen: Die Map verschafft einen schnellen Überblick. Auch sie zeigt, dass Deutschland nur mittelmäßig abschneidet.

Die „Review“, die jährliche Besprechung, nimmt Institutionen wie die Vereinten Nationen, den Europarat und die Europäische Union unter die Lupe. Sie benennt zudem einzelne Vorkommnisse und Tendenzen in den 49 Ländern. Über Deutschland heißt es: „The winning coalition (CDU/CSU and SPD) did not include marriage equality in its programme of government, but announced it would tackle homophobia and transphobia as part of an existing national action plan.”

Das komplette PDF kann hier eingesehen werden.

Global gesehen bilden Afrika und Asien das Schlusslicht. Kaum überraschend, und doch nicht weniger traurig. Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle müssen in 55 Prozent aller afrikanischer und in 51 Prozent aller asiatischen Länder ein Doppelleben führen. Dort werden ihnen nämlich gar keine Rechte zugesprochen. Besonders schlimm trifft es die Menschen im Iran, in Mauretanien, Saudi Arabien, im Sudan und im Yemen. Wer dort als Homosexueller ausgemacht wird, riskiert sein Leben.

In vielen Ländern leiden Menschen, weil sie nicht so lieben wie andere. Der Guardian berichtet, dass weitere Staaten die Rechte von LGBTI einschränken wollen. Länder, die bisher kaum Aufmerksamkeit durch Medien erhielten. Kirgistan erwägt ein Anti-Propaganda-Gesetz nach russischem Vorbild einzurichten. Brunei, ein kleiner Staat in Asien, möchte die Scharia als offizielle Rechtsprechung einführen; die Scharia bestraft Homosexualität.

Auch wenn in manchen Teilen der Welt positive Entwicklungen auszumachen sind, aufatmen ist nicht. Die Grafik zeigt dies eindeutig.