Schwul

Aufatmen ist nicht: LGBTI-Rechte in Europa eher Durchschnitt

Der Frankfurter Engel erinnert an die Homosexuellenverfolgung während der Nazi-Diktatur. Image: Domenico Sciurti

Der Frankfurter Engel erinnert an die Homosexuellenverfolgung während der Nazi-Diktatur. Image: Domenico Sciurti

Es sind Zahlen, die Sorgen bereiten. Homosexuell zu sein ist in 77 Ländern illegal. 2,7 Milliarden Menschen sind gezwungen, heterosexuell zu leben, ungeachtet dessen, was in ihrer Natur liegt. In mindestens fünf Ländern kann es sogar die Todesstrafe geben, sollte man dabei erwischt werden, das gleiche Geschlecht zu lieben. Die Rechte von Homo- und Bisexuellen wie auch Transgendern sind im Jahre 2014 alles andere als selbstverständlich: In KEINEM Land dieser Erde werden Homosexuellen die gleichen Rechte zugesprochen wie Heterosexuellen. Der Guardian hat eine interaktive Graphik erstellt, die die Ergebnisse einer Studie der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Assoziation (Ilga), dem Dachverband von LGBTI-Organisationen weltweit, aufzeigt.

Die Studie beurteilt die Qualität der rechtlichen Situation in den einzelnen Ländern anhand von fünf Kategorien: Wo ist einvernehmlicher Sex von Menschen gleichen Geschlechts erlaubt? Wo gibt es gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz? Haben gleichgeschlechtliche Paare das Recht zu heiraten? Dürfen diese Paare Kinder adoptieren? Sind LGBTI-Menschen bei Übergriffen strafrechtlich geschützt?

Die Graphik zeigt: Während auf der einen Seite der Welt, die Recht der LGBTI zunehmen – beispielsweise in den USA, wo in den vergangenen Jahren immer mehr Staaten die Homo-Ehe einführten – hat sich die Situation an anderen Orten der Welt verschlechtert. In Uganda und Nigeria haben die Staatspräsidenten vor einigen Monaten erst verschärfte Gesetze gegen homosexuelle Menschen und deren Unterstützer unterschrieben. Zuvor noch hat in Russland das Gesetzt gegen homosexuelle Propaganda weltweit  für Aufsehen gesorgt. Die Menschen in diesen Ländern werden seitdem verstärkt unterdrückt, verfolgt, gefoltert. Auch Berichte über Morde wurden zumeist durch das Internet übermittelt.

Selbst in Europa gibt es keinen Grund, entspannt auf die Zustände zu blicken. Denn höchstens als besseren Durchschnitt kann dort die rechtliche Situation der LGBTI-Community beurteilt werden. Deutschland gehört mit drei von fünf erfüllten Kategorien – wobei es keine hundertprozentigen Rechte bei den Lebenspartnerschaften gibt – auch nur zum Durchschnitt im Durchschnitt. Elf Staaten,  das sind 22 Prozent der europäischen Länder, erfüllen drei von fünf Kategorien. Neben der Bundesrepublik stehen Länder wie Albanien, Slowakei und Rumänien. An der europäischen Spitze sind Belgien, Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Spanien, Schweden und das Vereinigte Königreich von England. Sie sichern den LGBTI-Menschen fünf von fünf gewerteten Rechten zu. Als positiv muss wohl bewertet werden, dass kein EU-Land Homosexualität als solches verurteilt und verbietet.

Detailliertere Informationen zu Europa bietet auch die Studie Europe Rainbow Package, die jährlich von der europäischen Abteilung des Ilga Dachverbandes durchgeführt und veröffentlicht wird. Bereits die Betitelung der diesjährigen Publikation spricht für sich: “Rainbow Europe 2014: Europe’s score on LGBTI human rights remains average.”Das Paket kommt in zwei Teilen: Die Map verschafft einen schnellen Überblick. Auch sie zeigt, dass Deutschland nur mittelmäßig abschneidet.

Die „Review“, die jährliche Besprechung, nimmt Institutionen wie die Vereinten Nationen, den Europarat und die Europäische Union unter die Lupe. Sie benennt zudem einzelne Vorkommnisse und Tendenzen in den 49 Ländern. Über Deutschland heißt es: „The winning coalition (CDU/CSU and SPD) did not include marriage equality in its programme of government, but announced it would tackle homophobia and transphobia as part of an existing national action plan.”

Das komplette PDF kann hier eingesehen werden.

Global gesehen bilden Afrika und Asien das Schlusslicht. Kaum überraschend, und doch nicht weniger traurig. Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle müssen in 55 Prozent aller afrikanischer und in 51 Prozent aller asiatischen Länder ein Doppelleben führen. Dort werden ihnen nämlich gar keine Rechte zugesprochen. Besonders schlimm trifft es die Menschen im Iran, in Mauretanien, Saudi Arabien, im Sudan und im Yemen. Wer dort als Homosexueller ausgemacht wird, riskiert sein Leben.

In vielen Ländern leiden Menschen, weil sie nicht so lieben wie andere. Der Guardian berichtet, dass weitere Staaten die Rechte von LGBTI einschränken wollen. Länder, die bisher kaum Aufmerksamkeit durch Medien erhielten. Kirgistan erwägt ein Anti-Propaganda-Gesetz nach russischem Vorbild einzurichten. Brunei, ein kleiner Staat in Asien, möchte die Scharia als offizielle Rechtsprechung einführen; die Scharia bestraft Homosexualität.

Auch wenn in manchen Teilen der Welt positive Entwicklungen auszumachen sind, aufatmen ist nicht. Die Grafik zeigt dies eindeutig.

Anwältin aus Kamerun erhält Menschenrechtspreis

Alice Nkom ist Rechtsanwältin in Kamerun. In Berlin hat die 69-Jährige den siebten Menschenrechtspreis von Amnesty International verliehen bekommen. Nkom setzt sich in ihrem Land für die Rechte von Schulen, Lesben und Transgender ein.

“Solange das die Leute unter sich gemacht haben, nicht in der Öffentlichkeit, hat es niemanden gestört” wird Nkom von sueddeutsche.de über homosexuelles Verhalten in Kamerun zitiert. Was hierzulande zu Schnappatmungen führen würde, weil es ja impliziert, dass sich Schwule und Lesben verstecken und ein Leben in einer Parallelgesellschaft führen müssten, würde in dem westafrikanischen Land für Erleichterung bei den Betroffenen sorgen. Homosexualität wird in mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren verfolgt.

Das berühmteste Beispiel ist gleichzeitig auch Nkoms aufsehenerregendster Fall: Sie vertrat den Studenten Roger Mbede vor Gericht, weil der eine SMS an einem Mann schickte. „I’m very much in love with you“, hatte er darin geschrieben.  Mbede wurde von der Polizei aufgegriffen und zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach 16 Monaten durfte er das Gefängnis aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig verlassen. Nie mehr habe er ein normales Leben führen können, auch weil er die Kosten für seine medizinischen Behandlungen nicht mehr tragen konnte. Im Januar starb er an den Folgen von Hodenkrebs.

Ein weiterer Fall, der für Aufsehen sorgte, ist die Geschichte von Eric Ohena Lembembe – Journalist, Aktivist für die Rechte von LGBTI und Vorsitzender der Cameroonian Foundation for AIDS (CAMFAIDS). Die Schicksale der beiden Männer sind sogar verbunden: Lembembe hatte im Jahre 2012 einen Bericht über Roger Mbede verfasst, als der verurteilte Schwule aus seiner Haft entlassen wurde. Ein Jahr später, im 15. Juli 2013, musste Lembemde sterben, weil er schwul war und sich zudem für die Rechte von Homosexuellen einsetzte.

Freunde fanden den leblosen Körper auf dem Bett in Lembembes Wohnung in Yaoundé.  Hals und Beine waren gebrochen. An mehreren Stellen wies der Körper Verbrennungsverletzungen auf, die Täter mussten ihn mit einem Stück heißen Eisen gequält haben. Dass einer von Kameruns bekanntesten Gay-Rights-Aktivisten sterben musste, begründete Anatole Nkou, Kameruns Botschafter in Genf, mit dem „persönlichen Lebensstil“ des Ermordeten. Damit mache der Kamerunische Staat Lembembe zu einem kriminellen, beklagt Human Rights Watch. Bis heute bleiben die Mörder vom Lembembe unbekannt.

Diese Beispiele sind die Spitze des Eisbergs in Kamerun und in ganz Afrika. Die Situation für LGBT-Mitglieder hat sich in den vergangenen Jahren verschärft.  Schwule, Lesben, Transgender: Mehr und mehr werden anders-leibende verfolgt, verhaftet, gepeinigt, getötet.  Amnesty-International meldete im November vergangenen Jahres 36 Länder südlich der Sahara, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellen.

Und auch Menschen, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzen sind gefährdet. Wie Alice Nkoms, deren Leben regelmäßig bedroht wird.  Das hatte sie aber nie abgehalten weiterzukämpfen. Im Jahre 2003 gründete die Rechtsanwältin die Organisation ADEFHO, die erste Nichtregierungsorganisation Kameruns, die sich für den Schutz und die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen einsetzt. Sie bietet medizinische Behandlung, psychologische Beratung, sexuelle Aufklärung, Mediation, Sicherheitstrainings und Rechtsberatung an.

Philadelphia eröffnet LGBT-Wohnkomplex für Finanzschwache

Eine Wohnanlage für ältere Schwule, Lesben, Bi-Sexuelle und Transgender mit niedrigem Einkommen hat in Philadelphia eröffnet. Das unter dem Namen “John C. Anderson Apartments” geführte Gebäude besteht aus 56 Zwei-Zimmer-Wohnungen und liegt im als “Gayborhood” bekannten Viertel in der Innenstadt Philadelphias. Älteren, finanzschwachen Menschen der LGBT-Community soll damit ermöglichen werden, in einer Umgebung zu leben, in der sie sich wohl fühlen. Die Wohnungen sind den Bedürfnissen von Senioren angepasst. Schon kurz nach Inbetriebnahme des Hauses besteht eine Warteliste.

Das Haus ist eins von drei seiner Art in den Vereinigten Staaten von Amerika. Das Projekt wurde von Mark Segal, einem bekannten Verfechter von LGBT-Rechten und Gründer der Philadelphia Gay News, geleitet und kostete etwa 19,5 Millionen Dollar. Philadelphias Bürgermeister war bei der Inauguration dabei. Gegenüber CBS Philly betonte er die Wichtigkeit dieses Projekts für die Stadt. Damit führe Philadelphia in Sachen Menschenrechten und LGBT Angelegenheiten.

New York: Erneuter Angriff auf Homosexuelle

Sieben gebrochene Knochen – darunter Nase und Orbita – ein blaues Auge und eine Schnittwunde: Das ist das traurige Resultat eines Angriffs auf einen homosexuellen Mann im Stadtteil Greenwich Village im New Yorker Manhattan. Der 39-jährige J. P. Masterson und sein Partner, Peter Moore, warteten am Sonntag kurz nach Mitternacht an der Station West Fourth Street auf die U-Bahn, als sich ein Mann näherte und die beiden anpöbelte. Das Paar hatte zuvor sein Jubiläum für zehn Jahre Beziehung in einem Restaurant gefeiert. Ein schöner Abend endete damit tragisch.

“I fucking hate faggots”, “Ich hasse Schwuchtel”, sagte der Täter bevor er Masterson in Richtung Gleisen schubste und auf ihn einschlug. Der ließ erst ab, als Matterson einen Getränkebecher in das Gesicht des Angreifers warf. Der Täter rannte davon. Laut Opfer und seinem Freund waren etwa 50 Personen anwesend, doch niemand wollte helfen.

Die Polizei sucht nun nach dem Täter und veröffentlichte eine Skizze:

“Ich kann nicht glauben, dass ich im Village, wo ich mein Outing hatte und mich stets sicher fühlte, nun nervös sein muss”, verdeutlicht Masterson gegenüber CBS seine Enttäuschung über die aktuelle Situation in der Stadt. Der Übergriff auf ihn ist der jüngste Vorfall einer ganzen Reihe von Übergriffen auf Homosexuelle in New York City. Im Januar, beispielsweise, wurde der 46-jährige schwule Journalist Randy Gener angegriffen und in einer Lache seines Blutes bewusstlos zurückgelassen. Gener musste sich einer Operation am Gehirn unterziehen und erholt sich nur langsam von seinen Verletzungen. David Jimenez wurde in Brooklyn beim Gassi führen angegriffen, weil er für homosexuell gehalten wurde. Das perfide an dieser Situation: Jimener ist heterosexuell. Ein weitaus schlimmerer Fall ereignete vergangenes Jahr im Mai, ebenfalls im Greenwich Village, als der 32-jährige Mark Carson in der Nähe des Stonewall Inns erschossen wurde. Der Täter soll zuvor Anti-Gay-Aussagen gemacht haben.

Gleichberechtigung kommt auf den Lehrplan

Endlose Diskussionen über das Für und Zuwider der Aufklärung  über sexuelle Vielfalt an Deutschlands Schulen decken hierzulande auf, dass das Thema Homophobie und die Akzeptanz von Anders-Liebenden noch lange nicht zu den Akten gelegt werden kann. Stellvertretend für die Nation tragen derzeit in Baden-Württemberg Befürworter und Gegner eines reformierten Bildungsplans 2015 – mit dem Ziel: Akzeptanz von sexueller Vielfalt – einen unschönen Kampf aus. In Großbritannien ist man über solche Dinge erhaben. Dort macht man Nägel mit Köpfen. Im Cruzon Cinema, im West-End Londons, feierte gestern die Organisation Stonewall, die sich für die Rechte von Schwulen, Lesben und Bisexuelle einsetzt, die Premiere von „Free“, einem Aufklärungsfilm, der in Grundschulen Diskriminierung bekämpfen und über nicht-traditionelle Familienstrukturen altersgerecht aufklären will. Free wird an jede Grundschule im Vereinigtem Königreich geschickt, zusätzlich gibt es einen detaillierten Lehrplan.

Neue Wege zur eignen Identität finden, das war die Aufgabe, die sich Regisseur Rikki Beadle-Blair und sein Team im Vorfeld gestellt hatten. Vier Jahre lang arbeiteten die Macher mit Grundschulen, Lehrer, Schülern und Eltern zusammen. Das Ergebnis ist Free. Die Premiere wurde von der Bank BNP Paribas unterstützt.

Free folgt den Pfaden von Fit. Ebenfalls ein von der Stonewall-Organisation indiziertes Projekt, das bereits im Februar 2010 an alle weiterführenden Schulen des Landes distribuiert wurde, für Respekt, Verständnis sowie Gleichheit wirbt und von Lokalpersönlichkeiten unterstützt wurde.

Das aktuelle Stonewall-Projekt wird wie sein Vorgänger ebenfalls von bedeutenden Persönlichkeiten unterstützt. „Eine wundervolle Arbeit“, soll beispielsweise Kinderbuchautorin und Children’s Laureat Preisträgerin Jacqueline Wilson gelobt haben. Auch Justine Roberts, Geschäftsführerin von Britanniens größtem Online-Portal für Eltern, betonte, dass solche Filme Kinder hervorragend bestätigen und erziehen.

Was in Deutschland vielleicht nicht einmal im Jahre 2015 der Fall sein, startete in Großbritannien bereits vor vier Jahren, im Jahre 2010. Die Engländer haben wohl verstanden, dass Aufklärung von Schülern der Richtige Weg zu weniger Leid und Diskriminierung an Schulen ist und in der Folge zu einer besseren Gesellschaft führt.  Zu hoffen bleibt, dass auch hierzulande die Vernunft siegt, über veraltete Strukturen und ihre eingeschränkte Sicht der Dinge.

Hier ein paar Fakten:

Der Hitzlsperger der NBA

Jason Collins ist der erste offen schwule Profi in der amerikanischen Basketball-Liga NBA. Der 35-Jährige unterschrieb Anfang der Woche einen Vertrag bei dem Verein Brooklyn Nets. Im April 2013 hatte sich Collins zu seiner Homosexualität bekannt. Dafür gab es sogar Lob von US-Präsident Barack Obama. Collins ist der erste Profi, der in einer der vier großen Ligen (Basketball, Football, Baseball, Hockey) einen Vertrag hat. “Ich habe nicht die Zeit, mir über diese historische Bedeutung Gedanken zu machen”, sagte Collins auf einer Pressekonferenz.

Es tut sich was im amerikanischen Profisport. Im Februar bezeichnete sich der angehende Football-Profi Michael Sam als “schwuler, stolzer Mann”. Bereits vor einem Jahr ging Fußballprofi Robbie Rogers an die Öffentlichkeit. Sein Coming Out fiel jedoch mit dem Ende seiner Profi-Karriere zusammen. Im Oktober 2012 outete sich der puertoricanische Boxer Orlando Cruz als schwul. Auch der deutsche Profi-Sport ist keine Domäne der Heterosexualität mehr, seit sich Ex-Bayern-München-Star Thomas Hitzlsperger in der Zeit als erster Fußballprofi zu seiner Sexualität bekannte. Mit seinem Bekenntnis hat Hitzlsperger zwar tagelang die öffentliche Diskussion bestimmt, doch im Jahr der Fußball-WM in Brasilien trauen sich anscheinend keine weiteren Profis, seinem Beispiel zu folgen.